{"id":285,"date":"2021-11-29T22:18:29","date_gmt":"2021-11-29T22:18:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.xn--advnx-ira.de\/wp\/?p=285"},"modified":"2024-11-16T03:49:14","modified_gmt":"2024-11-16T03:49:14","slug":"selbstbetrug-oder-analysenflucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--advnx-ira.de\/wp\/?p=285","title":{"rendered":"Selbstbetrug oder Analysenflucht"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer bin ich?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer will ich sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei unterschiedliche Fragen oder doch ein und dieselbe?<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcgen wir uns selber an, wenn wir behaupten so und so zu sein, aber dabei ist es eigentlich eine reine idealisierte Vorstellung unserer selbst?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist ein Selbstanl\u00fcgen essentiell, ganz nach dem Motto: &#8222;Fake it till you make it&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es uns \u00fcberhaupt als feste Form? Und wenn nicht, was hat das f\u00fcr Konsequenzen?<\/p>\n\n\n\n<p>In welchen Lebensbereichen lassen wir uns in feste Formen dr\u00fccken?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Fragen \u00fcber Fragen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Alles fing damit an, dass ich auf dem Weg nach Stuttgart war. Mein Opa hatte Geburtstag und aus gegebenem Anlass wollte ich einmal wieder meine Familie in der Heimat besuchen. Da ich nun einmal manchmal &#8211; so auch an besagtem Tag &#8211; meine Priorit\u00e4ten nach emotionalen Dingen ausrichtete und dadurch verpeilt wirkend mit Gedanken nicht wirklich an der immer n\u00e4herr\u00fcckenden Zukunft klebte, sondern auf Intuition vertraute, verpasste ich meinen Zug. Kurz gesagt: ja, ich war vielleicht verpeilt. \u00c4rgerlich, aber &#8222;Wer mich \u00e4rgert bestimm ich selber!&#8220; (Zitat von meinem Opa!). <\/p>\n\n\n\n<p>Laut offiziellen Regeln h\u00e4tte ich jetzt f\u00fcr den vollen Preis von 160\u20ac einen alternativen Zug buchen m\u00fcssen. Diesem Schicksal unterlag auch das M\u00e4dchen neben mir &#8211; am Schalter der Deutschen Bahn. Doch wie mir das Leben so gelgegentlich in die Karten spielt, erwischte ich einen sehr netten jungen Herren am Schalter, der mir eine Versp\u00e4tung eines von mir nicht gefahrenen Zuges bescheinigte. Mit diesem Zettel konnte ich nun getrost und ohne einen Cent zu zahlen in die n\u00e4chste Bahn einsteigen. Mein Vertrauen aufs Leben wurde dadurch einmal mehr geboostet. Der alternative Zug war stechend voll. Also setzte ich mich an einen Tisch im Bistro, schrieb Tagebuch und h\u00f6rte Musik. Nach einer Weile fragte mich ein junger Typ, der mich schon ab und an beobachtet hatte, ob ich kurz auf sein Bier aufpassen k\u00f6nne. Er verschwand im n\u00e4chsten Wagen und die zwei Herren von gegen\u00fcber fingen an mit mir um das Bier zu feilschen. Schlie\u00dflich h\u00e4tte ich es ja kostenlos \u00fcbernommen und ich w\u00fcrde wahnsinnig Gewinn machen, wenn ich ihnen das Bier jetzt f\u00fcr weniger Geld weiterverkaufen w\u00fcrde. Tat ich nat\u00fcrlich nicht, aber weil wir so lustig ein paar S\u00e4tze wechselten lud mich der Selbstbewusstere der Beiden promt auf ein Bier ein. Er stand gerade am Tresen, als der &#8222;Bierleiher-Typ&#8220; zur\u00fcck kam und mir als Dankesch\u00f6n anbot, mir ebenfalls ein Bier auszugeben. Das ganze Bistro, dass das Geschehen gespannt verfolgt hatte, lachte und der Typ von Bistro mahnte scherzhaft, die Jungs sollen mich blo\u00df nicht abf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen jedenfalls ins Gespr\u00e4ch. Neben dem \u00fcblichen Smalltalk war ich von &#8222;TypSelbstbewusst&#8220; ziemlich fasziniert. Nicht auf sexueller Ebene, aber auf der Ebene, dass ich sein Verhalten interessant fand und er mir Input gab, mit dem ich mich reflektieren konnte. An irgendeinem Punkt des Gespr\u00e4ches haute er den Satz raus: &#8222;Wir existieren mehrmals&#8220;. Ich wusste anf\u00e4nglich nicht was er damit jetzt meinte, aber er erkl\u00e4rte sich und sagte, dass sein Bild von mir, das er sich inzwischen gebildet hatte, ein anderes w\u00e4re, wie das was meine Mutter von mir hat. Und so weiter. Das klang alles sehr nachvollziehbar, ich verstand jedoch die Schlussfolgerung dieser These noch ganz und gar nicht. Als ich danach fragte, meinte er, dass es uns egal sein kann, ob andere uns m\u00f6gen oder eben nicht. Weil sie sich eh eine Version von uns basteln. Also sollen wir unsere eigene Selbstversion bauen und nicht versuchen eine einzelne von einer einzigen Person zu kopieren. Also genauer gesagt die Projektion einer Person in uns hinein, die wir vermuten und die wir, um Erwartungen zu erf\u00fcllen, nachahmen wollen. Dies klang f\u00fcr mich noch nicht ganz einleuchtend, aber ich lie\u00df es erst einmal stehen. Dass er hier etwas sehr Essentielles ansprach, konnte ich erst sp\u00e4ter in einen gr\u00f6\u00dferen Kontext setzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter fragte er mich nach einem Erlebnis, dass mich gepr\u00e4gt hat. Ich verschanzte mich hinter analytischen Erkl\u00e4rungsversuchen meines Wesens. Ganz automatisch, zog ich mich aus mit selber heraus und versuchte mich auf akademische Weise selber zu betrachten. Doch damit war er nicht zufrieden. Er hakte nach und wollte, dass ich etwas aus meinem Leben erz\u00e4hle. Einen besonders sch\u00f6nen Moment. Da fing ich an von Norwegen zu erz\u00e4hlen, von unserer Kanutour im Regen, von unserer Bergwanderung und den beim Gehen pfl\u00fcckbaren Heidelbeeren. Ab diesem Zeitpunkt interessierte es ihn und er bekam einen Eindruck von mir. Ganzheitlich war gar nicht sein Anspruch und nat\u00fcrlich auch gar nicht m\u00f6glich. In diesem Moment erinnerte er mich sehr an Jobst. Und ich begriff, dass ich noch einiges zu lernen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Er selber erz\u00e4hlte mir auch einige Dinge \u00fcber sich: Unter anderem, dass er schon als Kind eine wahnsinnig gro\u00dfe Klappe gehabt hatte. Und das, obwohl er noch nicht wirklich selbstbewusst war. Aber er k\u00e4mpfte sich aus seiner Komfortzone raus und agierte ganz nach dem Motto: &#8222;Fake it till you make it&#8220; und das sorgte definitiv f\u00fcr eine krasse Ausstrahlung und ein Umgehenk\u00f6nnen mit sich selber und Sprache, das kann ich bezeugen. Er wirkte frei. W\u00e4hrend ich gef\u00fchlt von Hemmungen eingekesselt dasa\u00df. Nicht das ich nicht schlagfertig gegen ihn konterte. Das tat ich definitiv. Aber ich sp\u00fcrte in dem Moment auch so viel Potenzial in mir, dass aus Angst verschlossen bleiben musste. Dieses Gef\u00fchl habe ich in letzter Zeit \u00f6fter mal. Ich sp\u00fcrte, dass ich mit dem was ich kenne gut umgehen kann. Aber sobald es um unbekannte Dinge geht, ziehe ich zur\u00fcck aus Angst vor Neuem, und vermeintliches Scheitern im Blick von anderen. Sicherheit statt Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der Abend noch einen weiteren sehr interessanten Verlauf vernahm und wir die komplette Fahrt \u00fcber mit Realit\u00e4ten und Wahrheiten spielten, springen wir nun in eine andere Situation: Lustigerweise ist dies unteranderem ein Thema, dass sich unterschwellig auch durch unseren Schauspielunterricht hindurchzieht. Jobst differenziert hierbei zwischen einem mechanischen und dem quantenphysikalischen Weltbild. <\/p>\n\n\n\n<p>Das mechanische Weltbild &#8211; das noch verbreitertere in unserer Gesellschaft &#8211; geht davon aus das der Betrachter von einer externen Position auf die Welt schaut. Er bleibt also unbeeinflusst vom Geschehen und ver\u00e4ndert auch nichts. Er betrachtet blo\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Quantenphysikalische beschreibt das genaue Gegenteil: Hier befindet sich der Betrachter inmitten des Geschehens, wird beeinflusst und beeinflusst in Wechselwirkung. <\/p>\n\n\n\n<p>Was folgere ich jetzt aber daraus? Schlussendlich ist es eine Lebenseinstellungssache. Wie du im Leben stehen willst. Unmittelbar als Teil des Geschehens. Dich \u00f6ffnen und in Wechselwirkung zu deinen Mitmenschen und deinem Umfeld stehen. Dadurch angreifbar werden, Anteil nehmen, Verantwortung bekommen und eingebunden sein. Oder dich zur\u00fcckziehen in die Welt der Analyse und Abstaktion, wo alle Sachen auf diese und jene Art angesehen werden k\u00f6nnen, wo es als gro\u00dfe Qualit\u00e4t gilt, sich eben nicht ber\u00fchren zu lassen, sondern mit Neutralit\u00e4t und k\u00fchlem Kopf die Dinge ersteinmal abzuw\u00e4gen, einzuordnen und dann eine Reaktion zu \u00fcberdenken. <\/p>\n\n\n\n<p>Das hier soll keine Hassrede gegen Analyse, Logik, und die heutige Wissenschaft sein. Allerdings ist dieses Denken in Vorherrschaft in unserer Kultur und ich denke wir verlieren dadurch wichtige Qualit\u00e4ten. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann einen Monat sp\u00e4ter wieder in der Heimat war &#8211; diesmal hatte mein anderer Opa Geburtstag &#8211; hatte ich mit meinem Vater ein sehr anregendes und inspiriertes Gespr\u00e4ch zu dem Thema. Leider habe ich nur unser Ende mitgeschnitten, aber hier mal ein paar Schlagthesen, die in dem Gespr\u00e4ch gefallen sind &#8211; unbewertet und erstmal Kontextlos.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Analyse verbalisiert Willen sucht nach Ursachen, Alternativen und Konsequenzen, statt ihn zu f\u00fchlen und direkt auszuf\u00fchren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Analyse verleiht die F\u00e4higkeit zu steuern und zu ver\u00e4ndern.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Analyse bietet dir die M\u00f6glichkeit dich selber zu erschaffen. Es bietet dir die M\u00f6glichkeit verschiedene Konzepte zu durchdenken und dich f\u00fcr eins zu entscheiden (Frei nach dem Motto: Chose your thoughts and you chose your world)<\/li><li>Analyse zieht dich aus dem eigentlichen Prozess heraus. Es entzieht dir die Berechtigung emotional und direkt zu reagieren.<\/li><li>Das Gegenteil: In der Beziehung zu anderen Menschen emotionale Impulse aushandeln, statt nur in dir selber! Damit nutzt man die direkte Energie und l\u00e4sst sie nicht durch Analyse verbrennen. <\/li><li>In Liebesbeziehung emotionale \u00d6ffnung und Verantwortung auf das Zwischenmenschliche. Dinge im Dialog bearbeiten und entstehen lassen.<\/li><li>Analyse als Sicherheitszone. <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Es ist spannend, wie sich das Thema momentan durchzieht. Beate meinte heute im Einzelunterricht Sprache, dass wir Deutschen verlernt haben Handlung in Sprache zu bringen. Das wir verlernt haben emotionale Gesten in die Sprache zu setzten. Das aus diesem Grund so viel Fehlkommunikation in unserer Gesellschaft herrscht. Und ich habe verstanden, was sie damit meint. Das ist ein schwieriger und doch eigentlich so banaler Punkt. Wir lernen im Schauspielunterricht, den anderen wirklich zu meinen! Zu ber\u00fchren. Und durch unsere Worte zu ver\u00e4ndern, zu bewegen oder zu gewissen Reaktionen oder Handlungen zu motivieren. Wir erschaffen diesen besonderen Beziehungskanal. Darin liegt die Magie des Partnerspiels. Das ist was Menschen begeistert. Was sie sehen wollen. Weil sie es verlernt haben oder zummindest zu wenig in ihrem Leben etabliert haben! <\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema ist definitiv noch nicht fertig. Aber Ganzheit ist in diesem Fall ein unrealistischer Anspruch. Ich freue mich \u00fcber jegliche weiterf\u00fchrende Gedanken! <\/p>\n\n\n\n<p>Um nun aber noch mit dem Anfang des Artikels abzuschlie\u00dfen. Mal wieder ist der Zeitpunkt erreicht, in dem mich eine Rolle, die ich spielen darf zu einem Pers\u00f6nlichkeitswachstum oder zumindest zu neuen Gedanken katalysiert. Ich darf im n\u00e4chsten St\u00fcck Helena spielen, die Sch\u00f6nste Frau der Welt. Alles nur Fassade? Wieviel Charakter steckt in so einer Person oder in wie weit beherrscht sie Analyse um sich innerlich rein und glatt zu b\u00fcgeln. Dreht sie sich ihre Welt wie sie will? Manipulert sie andere? Ist sie sich ihrer Macht \u00fcber M\u00e4nner bewusst? Oder ist sie unschuldig und in direkter Verbindung zu anderen und zum Leben &#8211; ihre Sch\u00f6nheit ist Teil ihres Charakters. Nur ein paar der Punkte &#8211; passend zum Thema Analyse und Selbstbetrug!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bin ich? Wer will ich sein? Zwei unterschiedliche Fragen oder doch ein und dieselbe? L\u00fcgen wir uns selber an, wenn wir behaupten so und so zu sein, aber dabei ist es eigentlich eine reine idealisierte Vorstellung unserer selbst? Ist ein Selbstanl\u00fcgen essentiell, ganz nach dem Motto: &#8222;Fake it till you make it&#8220;? 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