{"id":171,"date":"2021-03-21T17:06:33","date_gmt":"2021-03-21T17:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.xn--advnx-ira.de\/wp\/?p=171"},"modified":"2024-11-16T03:42:13","modified_gmt":"2024-11-16T03:42:13","slug":"selbstrespekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xn--advnx-ira.de\/wp\/?p=171","title":{"rendered":"Selbstrespekt"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ich einen meiner Mitsch\u00fcler aus dem n\u00e4chsth\u00f6heren Jahrgang fragte, was er die letzten Monate gelernt h\u00e4tte, war seine Antwort: &#8222;Schwere der Seele&#8220; &#8211; &#8222;nicht so leicht aus sich rausfallen&#8220;. Er sagt ab und zu so schlaue Dinge, die einen echt inspirieren k\u00f6nnen (so auch das Synonym f\u00fcr verliebt sein &#8211; ein &#8222;mehr sehen&#8220; in jemandem anderen). Jedenfalls ist dies eins der gro\u00dfen Themen, die mich in letzter Zeit besch\u00e4ftigen und welches ich unter dem Titel Selbstrespekt laufen lasse. <\/p>\n\n\n\n<p>Skurriler weise kamen wir aus einer ziemlich schicksalshaften Situation zu diesem Zitat. Wir waren spontan zusammen eine Kommode in Berlin-Lichtenberg abholen. Seine neue Wohnung befand sich aber in Berlin-Mitte &#8211; unser urspr\u00fcnglicher Plan belief sich darauf die Kommode durch die Stadt zu schleppen &#8211; Unterst\u00fctzung nur durch 2 verschiedene S-Bahnen annehmend. Wir waren aber keine 2 Minuten gelaufen, mein R\u00fccken tat mir jetzt schon weh, da br\u00fcllte es hinter mir: &#8222;Hey M\u00e4dels, k\u00f6nnt ihr einen Transporter brauchen?&#8220;. Mal abgesehen der Tatsache, dass die zwei uns offensichtlich f\u00fcr zwei M\u00e4dels hielten, stimmten wir kurzerhand zu, h\u00fcpften hinten in den Transporter und lie\u00dfen uns eine halbe Stunde lang kostenlos durch die Stadt kutschieren. How funny is that, please? Eigentlich wollte ich die Geschichte nur wegen ihrer Skurrilit\u00e4t reinbringen, um jetzt aber einen geschickten \u00dcbergang zu dem eigentlichen Thema zu schlagen, sehen wir uns die Gespr\u00e4chssituation im Wagen genauer an: Es begann ein Versuch trotz r\u00e4umlicher Trennung durch ein Gitter ein Small Talk Kennenlerngespr\u00e4ch anzufangen. Wie in jeder Gruppenkonstellation werden dabei immer automatisch sofort die jeweiligen Status ausgecheckt (Ja, ich habe in Improvisation bei Dido gut aufgepasst :)). Das Konzept beruht auf einer gewissen Gruppenhirachie. Wer ist im Hochstatus, wer im Tiefstatus. Der Hochstatus diktiert eher die Regeln, der Tiefstatus bedient. Der Fahrer (ein 29 J\u00e4hriger Physikstudent) \u00fcbernahm die Gespr\u00e4chsleitung und damit Nummer 1. Sein Hauptgespr\u00e4chspartner wurde mein Mitstudent der somit Nummer 2 abbildete. Wir zwei Anderen f\u00fcgten nur gelegentlich etwas an und teilten uns somit quasi Nummer 3. Doch irgendwie f\u00fchlte ich mich nicht wirklich frei im meiner Position. Ich war angespannt und wollte mich korrekt verhalten. Vor allem gegen\u00fcber meinem Mitsch\u00fcler, den ich eigentlich kaum kannte. Wie gesagt, dass ich ihm beim Umzug geholfen hatte entstand durchaus ziemlich random. Ich bewundere ihn aber in einer gewissen Form und daher war es mir wichtig, dass er auch was in mir sieht. Ich versuchte demnach aus meiner Position der 3 auszubrechen und eine h\u00f6here zu erlangen, indem ich much vermehrt beteiligte, doch es wollte mir nicht so recht gelingen. Vermutlich weil ich meine Position abh\u00e4ngig von deren Urteil \u00fcber mich machte, was meine Unterordnung im Gegensatz zu meiner urspr\u00fcnglichen Intension erst recht zementierte. Dies lie\u00df mich nicht frei agieren, weil meine Impulse zu Handeln immer erst durch die Kontrollschlaufen in meinem Kopf liefen, die meine Aktionen auf Effektivit\u00e4t bez\u00fcglich der gew\u00fcnschten Anerkennung hin \u00fcberpr\u00fcften, verdrehten und mich dadurch verklemmten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses &#8222;gesehen werden wollen&#8220; ist so eine Sache: Man zieht den eigenen Selbstwert aus dem Urteil einer anderen Person. Alfred Adler, der Begr\u00fcnder der Individualpsychologie, w\u00fcrde hierbei von einer Aufgabendiffusion sprechen. Meine Aufgabe ist es n\u00e4mlich nicht, auf Reaktionen des Anderen zu spekulieren. Hier kann ich nur jedem einmal das Buch &#8222;Du musst nich von allen gemocht werden &#8211; Vom Mut sich nicht zu verbiegen.&#8220; ans Herz legen. Und dennoch ist dieses Berechnen der Reaktionen eine Form der Machtaus\u00fcbung gegen\u00fcber anderen, die, wenn man sie gut beherrscht, sehr manipulativ sein kann. Nicht umsonst spricht man von &#8222;Der Waffe der Frau&#8220;. Ich wage aber die These, dass eine solche Begehren-Hascherei keine gesunde Grundlage f\u00fcr eine Beziehung bildet. Es bildet von vornherein ein Machtgef\u00e4lle und zudem geht die eigene Authentizit\u00e4t verloren. Denn man selbst agiert als eine Art Wachsmasse, dass sich den Bed\u00fcrfnissen des anderen anschmiegt, anstatt ebenfalls seine eigene Form zu behalten. Hierzu gibt es einen interessanten Vortrag \u00fcber Simone de Beauvoir auf YouTube: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=421Dq9WG7Ns. Sie analysiert das Verh\u00e4ltnis zwischen Mann und Frau, das sie wie folgt beschreibt: &#8222;man defines woman not as herself but as relative to him\u2026 He is the Subject, the Absolute\u2014she is the Other&#8220;. Dadurch zeigt sie die Problematik auf, die in Prozessen wie Emanzipation und Feminimus behoben werden soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Emanzipation wird dadurch f\u00fcr mich ein essentieller Bestandtteil von Selbstrespekt. Seinen eigenen Wert aus sich selbst ziehen &#8211; statt aus der Beziehung zu anderen Menschen. Was einen behindert sich zu emanzipieren, ist die Angst dadurch einsam zu sein und Beziehungen zu verlieren. Paradoxerweise f\u00fchrt es aber genau zum Gegenteil. Menschen schlie\u00dfen lieber Beziehungen mit emanzipierten Wesen, denn Emanzipation ist eine Form der Freiheit und Freiheit wirkt anziehend. Zudem schafft Emanzipation eine tiefe Zufriedenheit gegen\u00fcber sich selber. Man ruht in sich, statt immer aus sich rauszufallen, im Glauben, anders sein zu m\u00fcssen, um jemandem zu entsprechen. Hier schlie\u00dft sich der Gedankenkreislauf zu dem Zitat meines Mitsch\u00fclers. &#8222;Die Schwere der Seele&#8220;. Mag sein, dass f\u00fcr ihn diese Worte nochmals eine andere Bedeutung aufweisen, f\u00fcr mich greift es jedoch genau dieses Thema auf. Es setzt allerdings voraus, sein eigenes ICH zu kennen und einen eigenen Willen und eigene Ziele gebildet zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein aktuelles Theaterst\u00fcck dreht sich genau um diese Thematik. Einer der Gr\u00fcnde, warum ich mich so in das St\u00fcck verliebt habe. Bille, meine Figur, k\u00e4mpft genau mit dieser Selbstfindungsthematik und st\u00f6\u00dft schlussendlich auf den Weg der Emanzipation. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Erarbeitung einer Rolle starten wir, nachem wir das St\u00fcck aufmerksam analysiert haben, mit der Frage nach dem Gesamtziel einer Figur (nach der Chubbuck-Tecknik). Das Gesamtziel einer Figur beschreibt quasi den Sinn oder das oberste Ziel des Daseins der Figur. Es ist das psychologische Grundbed\u00fcrfnis und insofern der &#8222;Motor des Verhaltens&#8220;. Dabei wird in nach Steven Reiss in zwei Hauptrichtungen des Gesamtziels unterteilt: Liebe und Macht (erg\u00e4ndes Element: Wachstum). Ich definierte das Gesamtziel meiner Figur mit folgendem Satz: Ich brauche Best\u00e4tigung (Tiel der Hauptrichtung Macht). Differenzierter ausgedr\u00fcckt sucht Bille nach ihrem Platz in der Gesellschaft, nach ihrem Raum, ihrem Wert. Best\u00e4tigung ist ihr Mittel um sich selbst zu legitmieren. Nachdem sie in der Vergangenheit versucht hat ihren Raum mithilfe der Best\u00e4tigung durch die Anerkennung des Vaters, durch das sexuelle Begehren unabh\u00e4ngiger Genossen, durch gute Leistungen im Bereich Schule, Studium und Beruf zu manifestieren, tritt nun wieder Asti, ihr Bruder, in den Fokus. Sein Best\u00e4tigung, sein Respekt ihr gegen\u00fcber ist es, der ihr Halt und Wert geben soll. Asti ist f\u00fcr sie die Verk\u00f6rperung von Selbstwert, Ehrlichkeit und Unabh\u00e4ngigkeit. Diese Ideale strebt sie auch an, doch sie begeht einen Fehler. Sie will sein wie Asti, macht sich aber gleichzeitig abh\u00e4ngig von seiner Bewertung und schafft es daher eben nicht Unabh\u00e4ngigkeit von der Bewertung durch andere zu etablieren (\u00e4hnlicher Konflikt, wie die oben aufgef\u00fchrte Gespr\u00e4chssituation in dem Transporter). Ihr Szenenziel (spezifischeres Teilziel in einer bestimmten Situation) war daher lange Zeit: Ich werde dich dazu bringen, dass du mich begehrst, damit ich meinen Selbstwert sp\u00fcre. Dies mag einer der Beweggr\u00fcnde f\u00fcr sie gewesen sein, warum sie sich auf ein sexuelles Verh\u00e4ltnis mit ihm einlie\u00df. Asti lebt jedoch einen gegens\u00e4tzlichen Lebensstil zu ihr. W\u00e4hrend sie das Abitur machte, studierte und es ihr wichtig war einen gesellschaftlichen Status zu erlangen, brach er das Abitur ab und erlernte keinen Beruf. Er weigert sich an dem kapitalistischen System zu beteiligen und bezeichnet sich selber als Revolution\u00e4r. Die Eigenschaft die Bille am meisten an ihm bewundert, ist, dass er sich nicht anpasst. W\u00e4hrend sie dieser von Simone de Beauvoirn angesprochenen Wachsfigur entspricht, bleibt er sich anscheinend selbst treu. Er bel\u00fcgt sich nicht selbst. Er steht zu seiner Meinung ohne darauf zu achten, wie diese bei anderen ankommt. Bille tritt in der Szene, die wir momentan einstudieren, aber immer mehr f\u00fcr ihre eigenen Entscheidungen ein. Ihr Szenenziel verwandelt sich in: Ich werde dich dazu bringen, dass du mich respektierst. Sie k\u00e4mpft gegen das Machtgef\u00e4lle zwischen den beiden Geschwistern an und versucht Astis Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber ihrem Lebensstil zu erwecken. Sie beginnt sich zu emanzipieren. Schlussendlich kr\u00e4mpelt sie sogar ihren eigenen ganzen Lebensstil um, bricht das Studium ab und definiert sich neu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin unglaublich dankbar f\u00fcr mein Schauspielstudium. Die Rollen, die ich spielen durfte in den letzten 3 Monaten, haben mir viel beigebracht! Ich lerne Verhaltensmuster, Pers\u00f6nlichkeiten und Beziehungskonstellationen zu analysieren und zu reflektieren. Gerade Bille wei\u00dft sehr viele Parallelen zu meinem Leben auf. Es steckt einfach so viel psychologischer Tiefgang in dieser Figur und auch ihr Verh\u00e4ltnis zu Asti ist \u00e4u\u00dferst interessant. <\/p>\n\n\n\n<p>Selbstrespekt nach und\/oder parallel zu dem Prozess der Selbstfindung. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin gespannt, was die letzte Woche mit dieser Rolle mich noch lehren wird! <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich einen meiner Mitsch\u00fcler aus dem n\u00e4chsth\u00f6heren Jahrgang fragte, was er die letzten Monate gelernt h\u00e4tte, war seine Antwort: &#8222;Schwere der Seele&#8220; &#8211; &#8222;nicht so leicht aus sich rausfallen&#8220;. 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